Erläuterungen Herz-Jesu-Texte
Ein Teil der Leiden Jesu. Anfänge der Verehrung des Herzen Jesu
Hans Burgkmair: Die heiligen fünf Wunden Christi (1) / Albrecht Schmidt: Passionsszene (2)
Das Herz Jesu spielt bereits in der mittelalterlichen Mystik und als Teil der Verehrung Jesu als Schmerzensmann eine Rolle. Gemeinsam mit den anderen Wunden fordert es dazu auf, sich in die Leiden Jesu hineinzuversetzen. In der visuellen Darstellung kommt dem Herzen bereits ein gewisser Symbolcharakter zu: Es steht für die Seitenwunde, die dem Gekreuzigten durch einen römischen Soldaten zugefügt wurde, und die die Darstellung oftmals ins Herz hineinverlegt (1). Auch gibt es Tendenzen, dem Herzen eine herausgehobene Stellung zuzuweisen und es zum Kulminationspunkt der Leiden Christi, aber auch zum Symbol seiner Liebe zu machen.
Dennoch steht der hier gezeigte, frühneuzeitlich Kupferstich (2) noch ganz in der Tradition der Fünf Wunden: Stellvertretend für den Körper zeigt die Passionsszene das Herz gemeinsam mit den von den Wunden gekennzeichneten Händen und Füßen am Kreuz. Der Hinweis auf Albrecht Schmidt als Verleger lässt auf seine Fertigung in Augsburg in der zweiten Hälfte des 17. oder der ersten des 18. Jahrhunderts schließen.
Zentrum der Liebe Jesu und der menschlichen Buße. Das Herz Jesu ab Mitte des 17. Jahrhunderts
Anonym: Marguerite-Marie Alacoque mit eigenhändiger Darstellung des Herzen Jesu (3) / H. Ostertag und Franck (Stecher): Herziger Liebsakt zu Jesum (4)
Entscheidend für die Verbreitung des neuzeitlichen katholischen Herz-Jesu-Kults ist die französische Nonne Marguerite-Marie Alacoque (1647–1690) (3). In ihren ausgesprochen körperlichen Visionen betont Jesus die Bedeutung seines Herzens als Zentrum seiner flammenden Liebe. Durch die Hingabe an sein Herz sollen die Menschen ihre bisherige Missachtung seiner Liebe sühnen. In der Darstellung löst sich das Herz nun fast gänzlich von den restlichen Wunden. Die Popularisierung von Alacoques Visionen wird frühzeitig von Teilen der Jesuiten unterstützt. Doch auch sie selbst treibt die Verbreitung voran: Sehen Sie die Zeichnung, die Alacoque in den Händen hält? Mehrfach lässt sie das Herz zeichnen, fordert ihre Mitschwestern auf, spezielle Aufnäher zu tragen und versucht sogar, Ludwig XIV. dazu zu bewegen, ganz Frankreich unter den Schutz des Herzen Jesu zu stellen.
Ähnlich wie die Zeichnung Alacoques weist der Gebetszettel (4) ein flammendes, von einem Kreuz bekröntes Herz in einer Dornenkrone auf. Jedoch wirkt die Darstellung durch die Blüten und die verspielten Herzchen weicher und setzt sich so von den oft düsteren Visionen der Nonne ab. Die an Emojis erinnernde Verwendung macht das Herz zudem zu einem Medium, um eine freundschaftlich-intime Nähe zwischen Leser*in und Jesus zu erzeugen. Der vermutliche Entstehungsort Mainz und das „IHS“-Kürzel machen einen katholischen Hintergrund sehr wahrscheinlich. Jedoch kann es auch daran erinnern, dass in bestimmten protestantischen Kreisen das Herz Jesu in Gebeten und Liedern ebenfalls eine wichtige Rolle spielte.
Heiliger Naturalismus? Das geäderte Herz und seine Feinde im späten 17. und 18. Jahrhundert
Anonym: Veritable Image du Sacré-Coeur (5) / Anonym: Naturalistische Darstellung des Herzen Jesu (6)
Ist die erste Zeichnung nach Alacoque noch stark stilisiert (3), tritt in den späteren auf sie zurückgehenden Darstellungen die fleischliche Dimension des Herzens hervor. Vorangetrieben wird dies insbesondere durch den Jesuiten Joseph de Gallifet (1663–1749), der den Status des Herzens als Sitz der Gefühle betont und durch seine Körperlichkeit ein intensiviertes Einfühlen erzeugen will. Hierdurch erhöht sich allerdings auch der Widerstand von Gruppen, die auf eine nüchternere Religionsausübung drängen, theologische Einwände gegen die Trennung von Herz und Körper erheben und den neuen Kult als „Eingeweide-Andacht“ schmähen. Zunächst können sie sich durchsetzen: 1726 lehnt die Glaubenskongregation die Einführung eines Festes zu Ehren des Herzen Jesu ab.
Die hier im Original gezeigte Darstellung (6) knüpft deutlich an die naturalistische Tradition an. Noch unauffälliger als auf der Vorlage fügt sich die aus Adern geformte Dornenkrone ins weitere Geflecht der Gefäße ein. Auch wird die Seitenwunde nicht mehr von Blutstropfen begleitet und wirkt so noch stärker ins umliegende Gewebe integriert, während die Intensivierung der äußeren Strahlenkränze die Dramatik erhöht. Worauf die bruchstückhafte Erhaltung zurückgeht, ist unklar, das Blatt stammt aus einem Konvolut aus Gebetszetteln und Andachtsbildern.
Nachmalen – Übermalen – Nachmalen. Das Herz in der Hand im 18. Jahrhundert
Pompeo Batoni: Heiliges Herz Jesu (7) / Andachtsbild mit der Kopie des Batoni-Gemäldes in Innsbruck (8)
1765 wird dem Fest zum Kult des Herzen Jesu schließlich die päpstliche Sanktion erteilt. Nur zwei Jahre später stellt Pompeo Batoni in der Kirche Il Gesù in Rom sein Herz-Jesu-Gemälde fertig. Es lebt von dem intensiven Kontakt, den es zwischen Betrachter*in und Jesus herstellt, der nun selbst sein plastisch gehaltenes Herz überreicht. Das Bild wird eines der einflussreichsten seiner Zeit und vielfach kopiert.
Bereits 1765 wird die Innsbrucker Version des Batoni-Gemäldes für die dortige Jesuiten-Kirche in Auftrag geben. Sie illustriert die weiterhin umkämpfte Geschichte des Herzen Jesu: Nach dem Verbot der Jesuiten in der Habsburger-Monarchie 1773, wird die Kirche der Hochschule unterstellt. Vermutlich getrieben von Gedankengut der Aufklärung, lässt der Rektor zwischen 1791 und 1793 das Herz übermalen. Als Tirol 1796 durch napoleonische Truppen bedroht wird, fordern mehrere Innsbrucker Bürger, auf ihre Kosten das Herz wieder herzustellen. Als „Grundursache“ hierfür nennen sie den „traurigen Zustand des Vaterlandes, welches von den [!] Feind aller Religion […] ganz verwüstet zu werden“ drohe. Ihre Aktivität reiht sich in weitere Maßnahmen ein, mit denen man in Tirol versucht, das Herz Jesu für die Mobilisierung gegen die Franzosen einzuspannen. Dass Bürger sich schließlich gegen den immer noch renitenten Direktor der Hochschule durchsetzen, zeigt das Andachtsbild.
Dezent und weiblich. Andachtsbilder des 19. Jahrhunderts
Bouasse-Lebel (Verleger): Andachtsbild mit Zeichnung und Handschrift Marguerite-Marie Alacoque (9) /Konvolut mit Andachtsbildern (10)
Besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden Darstellungen populär, in denen das Herz noch stärker stilisiert wird als auf Batonis Gemälde – und auf der Brust Jesu verbleibt. Zudem wird in der Literatur von einer Feminisierung der Gesichtszüge Jesu gesprochen, was auch zu seiner Popularisierung über Andachtsbilder passt: Gelten doch diese, wie auch das Herz Jesu, speziell als bei Frauen beliebt, deren innige Beziehung zu ihm einige der Andachtsbilder nachdrücklich illustrieren. Hierzu passt, dass Andachtsbilder die Rolle der 1864 seliggesprochenen Alacoque hervorheben, sei es durch die Reproduktion ihrer Zeichnungen und Schriften (9), sei es durch die Popularisierung einer vor dem Kreuz von einer Vision ergriffenen Nonne (10). Diese Darstellungsform findet allerdings für andere, zeitlich vor Alacoque zu verortende Mystikerinnen Anwendung.
Ein politisches Symbol. Zwischen Französischer Revolution und frühem 20. Jahrhundert
Pierre Seguin: Christus mit Heiligen Herzen auf der Brust (11) / Herz-Jesu-Aufnäher (12)
Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommen auch großformatige, im öffentlichen Raum aufgestellte Herz-Jesu- Statuen auf. Sinnbildlich für die politische Dimension, die der Herz- Jesu-Kult insbesondere in Frankreich erlangt hat, ist diejenige vor der Basilika Sacré-Coeur in Paris (11) . Schon während der Französischen Revolution versammeln sich ihre royalistischen Gegner unter dem Zeichen des Herzen Jesu. Nach der Niederschlagung des sozial- revolutionären Aufstands der Pariser Commune von 1871 wird über der rebellischen Stadt einer Zwingburg gleich die Basilika auf dem Montmartre errichtet. Doch auch in Deutschland erlebt das Herz Jesu einen Politisierungsschub: In dem Maße, in dem sich die Katholiken in das preußisch dominierte – und damit protestantisch geprägte – Kaiserreich integrieren, setzt eine (wissenschaftliche) Debatte ein, die die Ursprünge des modernen Kults weniger in Frankreich, denn im deutschen Mittelalter zu verorten sucht.
Die hier versammelten Andachtsbilder lassen die politische Dimension des Herzen Jesu allenfalls aufscheinen. Ein zunächst ähnlich anmutender Alltagsbegleiter tut es dafür umso mehr: der Aufnäher mit der Aufschrift „Stofflet“ (12) greift das Symbol der gegenrevolutionären Aufständischen des Jahres 1793 auf und erinnert an einen ihrer militärischen Führer. Heute wird er als Abzeichen für katholische Pfadfinder angeboten.
Strahlend, universell und polnisch. Das Herz als Symbol der göttlichen Gnade im 20. Jahrhundert
Eugeniusz Kazimirowski: Jesus als göttliche Gnade (11) / Andachtsbilder mit Jesus als göttlicher Gnade nach Adolf Hyła (12)
Die heute womöglich am weitesten verbreite Herz-Jesu-Darstellung geht auf die polnische Nonne Faustyna Kowalska (1905-1938) zurück. Sie verzichtet auf die Repräsentation des eigentlichen Herzens und stellt dafür wieder eine Verbindung zur Seitenwunde Jesu her: In Kowalskas Vision treten zwei Strahlen, in rot und weiß, aus der Brust Jesu. Sie stehen für das Wasser und das Blut, das aus der Seitenwunde floss, und repräsentieren Jesus, wie er sich am Tag des Jüngsten Gerichtes zwischen die Menschen und den Zorn Gottvaters stellt. Auch Kowalska lässt bereits zu Lebzeiten durch den Maler Eugeniusz Kazimirowski eine Abbildung ihrer Version erstellen (11).
Bekannter wird aber ein Bild, das erst nach dem Tod der Nonne entsteht: Das ursprüngliche Bild Kazimirowskis verbleibt in Vilnius, dem Ort von Kowalskas Wirken und zu ihrer Zeit Teil Polens. 1945 wird die Stadt Teil der in die UdSSR einverleibten litauischen Sowjetrepublik. Zweimal vor anti-religiösen Maßnahmen der Sowjets gerettet, erreicht das Bild schließlich die polnisch dominierte Heilig- Geist-Kirche in Vilnius. Von dort wird es 2005 in eine litauisch geprägte Kirche versetzt.
Inzwischen hat sich aber um ein anderes Bild (12) in der Nähe von Krakau ein intensiver Kult entwickelt. Er geht auch auf das Betreiben des dortigen Erzbischofs Karol Wojtyła zurück, der als Papst Johannes Paul II. 2000 Kowalska heiligspricht. In den 1950er Jahren hatte der Vatikan Kowalskas Schriften noch indiziert – angeblich auch, weil die rot-weißen Strahlen zu sehr an die polnische Fahne erinnerten.
