Frage an: Anne Mariss

Erzeugte ein Rosenkranz religiöse und soziale Differenz oder Nähe?

Votivgemälde mit Darstellung der drei Stände, Adel, Bürger und Bauer durch Männer und Frauen in Betbank, um 1700, Bayerisches Nationalmuseum. Abb: Bayerisches Nationalmuseum, CC BY-NC-ND 4.0.

In der Frühen Neuzeit konnte ein Rosenkranz sowohl konfessionelle Differenz als auch Nähe erzeugen. Dies hing maßgeblich von seinem Gebrauchskontext ab. In der Reformation nutzten polemische Medien den Rosenkranz als Zeichen für ‚papistische‘ Praktiken und Ansichten. Er symbolisierte die protestantische Kritik am Ablasswesen sowie an der Vorstellung von Maria als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen. In der katholischen Propaganda wurde der Rosenkranz vor allem als Symbol für die über ihre Feinde triumphierende Kirche vereinnahmt.

Jenseits dieser Polemiken waren Rosenkränze oder ‚Paternoster‘, wie sie im 16. und 17. Jahrhundert vorwiegend genannt wurden, nicht so konfessionell eindeutig codiert. Auch Lutheraner*innen umgaben sich mit Gebetsschnüren. Auf Porträts zeigten sie eine christliche Lebensführung an, im persönlichen Besitz erinnerten sie an altgläubige Vorfahren und Familienmitglieder. Paternoster aus Materialien, denen medizinische oder apotropäische Eigenschaften zugeschrieben wurden, waren noch bis ins 17. Jahrhundert begehrte Heilmittel auch unter lutherischen Gläubigen.

Für Katholiken erzeugten Rosenkränze in vielerlei Hinsicht religiöse und soziale Nähe. Über das Abbeten  und Befühlen der Perlen und angehängten Devotionalien traten Gläubige in eine spirituelle Verbindung zu Christus, Maria und den Heiligen. Diese Nähe zu Gott ließ sich in meditativer Versenkung oder gemeinschaftlich erfahren. In der Kirchengemeinde, in Prozessionen oder in Rosenkranzbruderschaften war der Rosenkranz ein Objekt, das religiöse und soziale Zugehörigkeit stiftete.