Erläuterungen kartierte Objekte
Die Objektbeschreibungen sind in alphabetischer Reihenfolge angeordnet. Ausschlaggebend ist das auf der Karte blau markierte Stichwort.
Betenkrämer (10) und Emblem des Jesuitenordens (3) | Stellvertreter für: Dorfen und Weggental
Devotionalien wurden durch die die Wallfahrtsorte betreuenden Orden, aber auch durch Händler vertrieben, die Stände an Gnadenorten hatten oder mit Bauchläden durch die Straßen zogen. Der Kommerz um die Wallfahrtsstätten wurde schon in der Frühen Neuzeit kritisiert. Insbesondere vor den Jakobsbrüdern und ihren gefälschten Devotionalien wurde gewarnt. Auch für die Wallfahrtsorte selbst und die religiösen Orden waren Devotionalien Einnahmequellen. Aber nicht immer stand dieser Aspekt im Vordergrund. Aus Dorfen wird zu Beginn des 18. Jahrhunderts berichtet, dass der dortige Pfarrer Medaillen zum Andenken verschenkt habe. Ebenso verteilten die Jesuiten kostenlose Devotionalien, damit nach einer religiösen Unterweisung die Inhalte besser haften blieben. Zwischen 1653 und 1773 betreuten die Jesuiten die Wallfahrt nach Weggental.
Briefbeschwerer mit Hinterglasmalerei (8) | Stellvertreter für: Maria Hohenburg
In der Mitte des Briefbeschwerers findet sich das Gnadenbild aus Altötting: Maria Hohenburg gehört zu den zahlreichen Orten, an denen Kopien aufgestellt sind. Gleichzeitig repräsentiert das moderne Stück eine für die historische Devotionalienproduktion wichtige Technik: die Hinterglasmalerei, bei der das Bild spiegelverkehrt hinter dem Glas aufgetragen wurde. Bereits vor dem 20. Jahrhundert bewegt sich die Hinterglasmalerei zwischen bäuerlicher Heimarbeit, künstlerischer Fertigung und vorindustrieller Produktion: Über das für den österreichischen Absatzmarkt wichtige Böhmen wird schon im 19. Jahrhundert berichtet, dass an einer Malerei mehrere geistig beeinträchtigte Personen arbeiteten, die für das Auftragen exakt einer Farbe zuständig waren.
Emblem des Jesuitenordens (3) siehe: Betenkrämer
Fragmentarischer Gebetszettel mit Schwarzer Madonna aus Częstochowa (21) | Stellvertreter für: Unterfrauenhaid
Einige der hier vorgestellten Wallfahrtsorte sind um Kopien von Gnadenbildern anderer deutschsprachiger Orte entstanden. Verweise finden sich aber nicht nur auf Gnadenorte in der relativen Nachbarschaft: Wohl am weitesten verbreitet sind Kopien der Madonna aus dem italienischen Loretto. Zum Teil wurde sogar die gesamte Kapelle nachgebaut. Eine Besonderheit stellt demgegenüber die Wallfahrtskirche Unterfrauenhaid dar, deren Gnadenbild von 1629 eine Kopie der Schwarzen Madonna aus Częstochowa (deutsch: Tschenstochau) in Polen ist.
Gedenkmedaille mit Belagerung Wiens (22), 1683 oder später | Stellvertreter für: Mariazell
Im Fall von Mariazell unterstrichen nicht nur Besuche und Stiftungen die enge Verbindung zum österreichischen Herrscherhaus: Eine der ältesten der Mariazeller Medaillen erinnert an den hundertsten Todestag Ludwigs von Ungarn, der 1526 im Kampf gegen die Osmanen fiel – was dazu führte, dass sein Reich an die Habsburger ging. Die hier abgebildete Münze zeigt auf der einen Seite das auch als Magna Mater Austriae bezeichnete Gnadenbild des Wallfahrtsorts und auf der anderen die schließlich abgewehrte zweite Belagerung Wiens durch die Osmanen im Jahr 1683 – ein bedeutsames Ereignis, um die Habsburger als Verteidiger der Christenheit zu zeigen. Mariazell erfreute sich allerdings auch bei der bayrischen Dynastie der Wittelsbacher großer Beliebtheit.
Andachtsbild mit Herzurne (16) Stellvertreter für: Altötting
Selten auf Andachtsbildern zu finden, stehen die Herzurnen wie kaum etwas sonst für die enge Beziehung, die die Wittelsbacher zum Wallfahrtsort unterhielten: Seit dem 17. Jahrhundert ließen Angehörige des Fürstenhauses ihre Herzen hier bestatten. Die ältesten Urnen stammen von Maximilian I. und seiner ersten Frau. Der Kurfürst unterhielt auch sonst eine enge Beziehung zu Altötting. So setzte er 1638 angesichts der Bedrohung durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg dem Gnadenbild persönlich eine kostbare Krone auf. Bereits 1615 hatte er Maria zur Patronin Bayerns erklärt. Angesichts des Ersten Weltkriegs erwirkte 1916 der letzte bayrische König bei Papst Benedikt XV., dass das Patronat durch den Heiligen Stuhl bestätigt wurde. Dass Marienfrömmigkeit und moderner Nationalismus bereits zuvor ineinandergriffen, belegt dieses ganz im bayrischen Weiß-Blau gehaltene Andachtsbild.
Historische Abhandlung, siehe: Titularbild
Kaiser Josef II. (20) | Stellvertreter für: Wien
Wien war nicht nur selbst Marianischer Wallfahrtsort: Die hier ansässige Verwaltung steckte auch den rechtlichen Rahmen des Wallfahrtswesens in Österreich ab. Wie in anderen Staaten geriet auch im Habsburgerreich die Kirche aufgrund ihrer ökonomischen Privilegien im 18. Jahrhundert zunehmend in die Kritik. Zudem galten kollektive Elemente der Religionsausübung als potentieller Unruheherde und Devotionalien als Zeichen rückständiger Volksfrömmigkeit. Entsprechend schränkte der für seine aufklärerische Religionspolitik berüchtigte Kaiser Josef II. in den 1770er Jahren nicht nur das Wallfahrtswesen zunehmend ein und verbot (kollektive) Wallfahrten sogar ganz. 1784 untersagte er auch den Vertrieb von Devotionalien.
Klosterarbeit (5) | Stellvertreter für: Stetten ob Lontal
Klosterarbeiten sind kleinformatige, aus unterschiedlichsten Materialien bestehende Objekte der privaten Andacht, die meist von Nonnen hergestellt wurden. Ihre Erzeugung diente sowohl der persönlichen Meditation wie auch dem finanziellen Unterhalt des Klosters. Lange Zeit wurde ein Großteil der verwandten Materialien im Kloster selbst hergestellt: Pailletten wurden per Hand ausgestanzt und spezielle Zahnräder drückten Metallbänder in dekorative Formen. In die Fertigung von Klosterarbeiten floss großes handwerkliches Wissen und eine genaue Beobachtung von technischen Entwicklungen ein – aber auch viel Zeit. Daher finden ab dem 19. Jahrhundert verstärkt Vorprodukte Anwendung. Die Madonna in der Mitte dieser Klosterarbeit gleicht der aus Einsiedeln, von der wiederum eine Kopie in Stetten ob Lontalzu finden ist.
Mantel für Zündholzschachtel (19), 19./20. Jh. | Stellvertreter für: St. Pölten
Eindrücklich zeigt dieser Mantel für eine Zündholzschachtel, dass das auf Josef II. zurückgehende Verkaufsverbot für Devotionalien in der Habsburger Monarchie keinen Bestand hatte. Obwohl durchaus wirksam, blieb sein Vorgehen gegen religiöses Brauchtum unbeliebt. Die Anordnungen wurden teils noch durch ihn selbst widerrufen, teils nach seinem Tod aufgehoben. Durch die neuen Transport- und Produktionsmittel erlebten Wallfahrten und Devotionalien im 19. Jahrhundert neuen Auftrieb, wobei sich letztere oft deutlich in Richtung Andenken weiterentwickelten. Auch die Art des Reisens änderte sich und Fahrten wurden zunehmend professionell organisiert, was mitunter die Verschiebung von Wallfahrtszielen mit sich brachte. Die Modernisierungsschübe spiegeln sich in St. Pölten wider: Wiewohl selbst kein Wallfahrtsort, startet von hier seit seit 1906/07 die Mariazellerbahn, die immer noch Wallfahrende an den Gnadenort bringt.
Stempel (18) nicht datiert | Stellvertreter für: Maria Taferl
Über die Herkunft dieses Stempels ist nichts bekannt. Es ist daher unklar, ob er als persönliches Andenken erworben wurde oder einen frühen Hinweis auf das Sammeln von Stempeln zum Belegen von Wallfahrten darstellt. Maria Taferl wurde auf jeden Fall häufig gemeinsam mit Mariazell besucht.
Visitenkarte des Devotionalienhandels Zorn und Anzmann (7) | Stellvertreter für: Augsburg
Augsburg war nicht nur Schaltstelle des vormodernen Druckereiwesens. Gemeinsam mit Salzburg und Schwäbisch Gmünd war die Stadt zudem ein Produktionszentrum für Wallfahrtsmedaillen und andere Devotionalien. Diese wurden nur in den wenigsten Fällen in den Gnadenorten selbst produziert. Sogar Rom war ein bedeutender Lieferant von Medaillen für den deutschsprachigen Raum. Dank fabrikmäßiger Produktion konnten ab Mitte des 19. Jahrhunderts neue Produktionsorte durch einzelne Firmen an Gewicht gewinnen, z.B. Innsbruck. Augsburg bleibt aber weiterhin von Bedeutung, was heute noch bestehende Firmen wie der Handel Anzmann illustrieren. Die Stadt verfügt über keine Maria geweihte Wallfahrtskirche, aber über das Gnadenbild Maria Knotenlöserin, das sich in St. Peter am Perlach findet und Ziel einer Wallfahrt ist.
Wachsstöcke (14; 17) 19./20. Jh. | Stellvertreter für: Heiligenbrunn und Maria Plain
Nicht nur bei der Produktion, sondern auch bei der Vergabe von religiösen Andenken lässt sich eine Geschlechtertrennung beobachten: Wachsstöcke wurden zu Lichtmess (2. Februar) besonders an Frauen und Mädchen verschenkt. Sie hatten sich aus den sogenannten Pfennigkerzen, dünnen schmalen Kerzen entwickelt, deren Gestalt in den Wachsstöcken immer noch zu erkennen ist. In der dunklen Jahreszeit sollten sie auf dem Weg zur Messe Licht spenden und Hoffnung vermitteln. Den gelben Wachsstock ziert die Schwarze Madonna von Altötting, von der sich auch eine Kopie in Heiligenbrunn findet.
Wachsstock, aufklappbar (15), 19./20. Jh. | Stellvertreter für: Passau
Deutlich aufwendiger gestaltet als die anderen Wachsstöcke erinnert dieses aufklappbare Modell nicht nur an ein Buch, sondern auch an einen Reisealtar. Das Andachtsbild im Zentrum zeigt ein auf Lucas Cranach zurückgehendes Gnadenbild, dessen Original von 1537 sich in Innsbruck befindet. Allein aus Bayern sind um die 30 Kopien des Cranach-Werkes bekannt. Um einige entwickelten sich eigene Wallfahrten, wie z.B. in Passau. Vor der Passauer Kopie bat der aus Wien vor den Osmanen geflüchtete Leopold I. (1640-1705) um Beistand. Nach einem entscheidenden Sieg ließ Leopold das Bild zum Staatsgnadenbild erklären. Entsprechend findet sich eine Wallfahrtsmedaille, die Passau mit dem ebenfalls dynastisch bedeutsamen Mariazell verbindet.
Wallfahrtsmedaille (9) | Stellvertreter für: Einsiedeln
Einsiedeln ist der bekannteste Schweizer Wallfahrtsort und strahlte weit über die Landesgrenze hin aus. Seine Bedeutung spiegelt sich in der Medaillenproduktion: Aus der Zeit ab dem 17. Jahrhundert sind 435 unterschiedliche Medaillentypen belegt. Bis 1798 überwachte das örtliche Benediktinerkloster Produktion und Vertrieb der Medaillen und übernahm letzteren z. T. selbst. Für andere Händler legten die Mönche strenge Regeln fest: Im 17. Jahrhundert durften einheimische Krämer beispielsweise nur Medaillen aus Messing verkaufen, die zudem mit einem Rosenkranz verbunden sein mussten.
Wallfahrtsmedaille mit Doppelprägung (13) | Stellvertreter für: Bogenberg
Auf Grund ihrer Beständigkeit sind Wallfahrtsmedaillen wichtige historische Quellen. Mit ins Grab gegeben können sie unter anderem darüber informieren, welche Orte Wallfahrende einer bestimmten Region besuchten. Weitere Hinweise auf Wallfahrtsrouten geben Medaillen mit Doppelprägung. Sie weisen oft darauf hin, dass meist dicht beieinander gelegene Orte gemeinsam besucht wurden. Diese Medaille verbindet allerdings Bogenberg mit dem rund 250 km entfernten Mariazell. Hier mag die Verbindung eher in der monastischen und religiösen Nähe der Wallfahrten bestehen: Beide wurde durch Benediktiner betreut und gehören zu den ältesten marianischen Wallfahrtsorten mit Wurzeln im 12. Jahrhundert.
Wallfahrtsbilder (1; 3; 8; 11; 23), 19. bis 21. Jh. | Stellvertreter für: Kreuzberg, Gößweinstein, Schönenberg, Birkenstein, Mariatrost
Andachts- und Wallfahrtsbilder sind eng verwandt, allerdings beinhaltet das Wallfahrtsbild in der Regel nicht nur die Darstellung der verehrten Heiligen, sondern auch des räumlichen Zusammenhangs. Auch ist das Andachtsbild vermutlich älter und geht auf Frauenklöster zurück, von wo es sich gemeinsam mit mystischen Vorstellungen verbreitete. Ab 1400 wurde es im Kleinstformat über einfache Druckverfahren wie dem Stempeldruck
durch sogenannte Briefmaler – und -malerinnen (!) – vervielfältigt. Beide, Andachts- wie Wallfahrtsbild sind stilistisch durch den Kupferstich geprägt, trieben aber auch seine Durchsetzung und Entwicklung voran. Als Instrumente der individuellen und sinnlichen Vergegenwärtigung popularisierten sie sich im besonders im 17. Jahrhundert. Eines der hier gezeigten Bilder trägt übrigens den jüngsten technischen Entwicklungen Rechnung. Erkennen Sie es?*
Titularbilder (6; 12) und historische Abhandlung (2), 19. Jh. | Stellvertreter für:, Rengersbrunn, Ingolstadt**, Wilten
Bereits im Mittelalter bildeten sich an religiös bedeutsamen Orten Laienbruderschaften. Sie stellten ein Bindeglied zwischen Orden und der lokalen Bevölkerung dar und übernahmen gesellschaftliche und liturgische Aufgaben. Als Organisatoren von Prozessionen und Wallfahrten wurden sie in der Frühen Neuzeit von Obrigkeiten gefördert, aber auch als mögliche Unruheherde überwacht. Besonders ab Mitte des 18. Jahrhunderts gerieten sie unter hohen Druck zur Vereinheitlichung. Einige überlebten dennoch die Attacken der Aufklärung, in anderen Orten gründeten sich im 19. Jahrhundert neue Vereine, wie der Wiltener Sühnungsverein von 1877. Seine Satzung, die jedes Mitglied als Büchlein erhielt, bot nicht nur für jeden Wochentag das passende marienzentrierte Gebet, sondern auch Informationen über die Geschichte des Gnadenortes.
* Der zur Erstellung des KI-generierten Bildes verwendete Text lautet: Holy card of the Virgin Mary stemming from the Austrian sanctuary „Mariatrost“ (translated: Mary of Solace). Show the virgin covering baby Jesus with a veil. In the background a church set against the backdrop of an alpine landscape.
**Ingolstadt besitzt mit der Schuttermutter ein Marianisches Gnadenbild, allerdings war es bis zum Zweiten Weltkrieg nicht in der Franziskaner-Kirche, sondern in der Augustinerkirche unterbracht. Er nach deren Zerstörung zog es zu den Franziskanern um.
