Frage an: Hartmut Leppin
 

Was macht spätantike Menas-Ampullen so bedeutsam?

Einen Menschen mit ausgebreiteten Armen erkennt man auf dem tönernen Fläschchen auf dem Plakat. Mit etwas mehr Mühe lassen sich zwei Tiere ausmachen. Sie helfen, den Menschen als den Heiligen Menas zu identifizieren. Der Heiligen war in der ganzen spätantiken Mittelmeerwelt bekannt, doch ist nicht einmal klar, ob er wirklich eine historische Gestalt war. Die bedeutendste Legende über ihn besagt, dass er ein römischer Soldat aus Ägypten war, der sich nach einigen Jahren Dienstzeit als Eremit in eine Höhle in Phrygien zurückzog. Als Kaiser Diokletian (284–305) Christen zu verfolgen begann, bekannte Menas sich zu seinem Glauben und starb als Märtyrer. 

So sehr die Feinde sich bemühten, es gelang nicht, seinen Leichnam zu zerstören. Schließlich transportierten ihn Menas‘ Anhänger nach Ägypten und brachten ihn auf dem Rücken von Kamelen in die Wüste. Als diese unversehens stehen blieben und sich nicht dazu bewegen ließen, weiterzulaufen, bestattete man dort seine Überreste. Die Stätte geriet in Vergessenheit, bis ein Schafhirte sie wieder entdeckte, als er beobachtete, wie eines seiner erkrankten Tiere dort an einer Quelle gesundete. Dieses Wunder wiederholte sich. Bald reisten Menschen an diesen Ort, um ihre Krankheiten zu besiegen. In vielen Sprachen verbreiteten sich seine Legenden, nicht nur auf Griechisch und Latein, sondern etwa auch auf Äthiopisch und Armenisch. 

An dem Ort entstand ein durch reiche Funde dokumentiertes Heiligtum. Das Grab des Menas befand sich in einer unterirdischen Begräbnisstätte. Darüber erhob sich seit dem ausgehenden 4. Jahrhundert eine erste Kirche. Im 5. Jahrhundert entstand die sogenannte große Basilika, die ihrerseits mehrfach erweitert wurde; insgesamt errichtete man drei miteinander verbundene Kirchen, einschließlich eines Baptisteriums. Ein halbkreisförmiger Platz, den eine Säulenreihe umgab und an dem auch kleine Räume lagen, diente vermutlich dem Heilschlaf. 

Neben den drei Kirchen gehörten zahlreiche andere Gebäude zu der Anlage, unter anderem sogenannte Xenodocheia, Gästehäuser, in denen die Pilger Unterkunft fanden. Teilweise boten sie Räume, teilweise nur Portiken, unter denen ärmere Pilger nächtigen konnten. Auf einer säulengesäumten Straße, die sie durch prachtvolle Bögen führte, zogen die Pilger zur Kirche mit dem Grab des Menas. Die Straße verengte sich allmählich, sodass das Gedränge und damit die Erwartung immer größer wurde. Auch wurde in Abu Mina massiv in die Infrastruktur investiert: Am See Mareotis, der in der Nähe des Heiligtums lag, entstand sogar ein eigener Hafen.

Dass Abu Mina sich als herausragendes Pilgerzentren im spätantiken Reich etablierte, bedeutete für viele Menschen vor Ort wirtschaftlichen Gewinn – nicht zuletzt durch die Produktion und den Verkauf von Pilgerampullen. Denn wer sich in der Antike die Mühe machte, zum Heiligen Menas zu pilgern, suchte bei ihm Heilung, wollte aber auch etwas nach Hause tragen. Davon zeugen Ampullen wie die auf dem Plakat abgebildete, die aus gebranntem Ton besteht. Man füllte sie mit weihrauchduftendem Öl, das über die Reliquien des Menas geflossen war. 

Die Ampulle zeigt, von einem Zierkreis umgeben, den Heiligen Menas mit zwei Tieren, die man als Kamele deutet – dank der Kamele war ja der Ort identifiziert worden, an dem das Heiligtum errichtet werden sollte. Es lässt sich zudem eine Inschrift in griechischen Buchstaben entziffern: Ο ΑΓΙΟC ΜHΝΑC, der heilige Menas. Der Heilige steht dort mit erhobenen Händen, als Orant (Betender). Diese Darstellung hatte eine theologische Bedeutung. Man verdeutlichte so, dass Menas um den Höchsten, um Gott wusste, der ihm die Kraft zum Wirken von Wundern verlieh. Die Rückseite sah genauso aus. 

Derartige Ampullen wurden offenbar zu Tausenden hergestellt und waren weit verbreitet, bis hin zum Nordwesten der Mittelmeerwelt. Große Kunst war ein solches Fläschchen nicht, aber ein handliches Objekt, mit einer klaren, einfachen Bildsprache. Auch wenn die Flüssigkeit, die die Ampulle füllte, aufgebraucht war, stellte das Behältnis ein dauerhaftes Zeugnis einer Pilgerfahrt dar. Seine Besitzer wurden so an die Existenz eines gewaltigen Pilgerzentrums erinnert, das einem wirkungsmächtigen Heiligen gewidmet war. Das unscheinbare, serielle Objekt, die Ampulle des Menas, zeugt so von den spirituellen Bedürfnissen, aber auch von der Verflechtung der Welt der Spätantike.