Frage an: Nikolas Funke
Kennt die Vormoderne einen Unterschied zwischen Religion und Magie?

Illustration aus: Martin Meyer, Homo microcosmus, hoc est …, 1760. Abb.: Wikipedia, Public Domain.
Das christliche Universum ist kein Chaos, sondern ein Kosmos, also eine planvoll geordnete Schöpfung. Entsprechend wurde der menschliche Körper in der Frühen Neuzeit als Mikrokosmos verstanden. Er spiegelte die Ordnung des Universums und stand mit allen Ebenen der Schöpfung in Beziehung. Bestimmte Körperteile und Organe korrespondierten mit bestimmten Planeten und hatten ihre Entsprechungen in Pflanzen, Mineralen oder Metallen.
Diese kosmischen Wirkbeziehungen waren oft mit den menschlichen Sinnen nicht wahrnehmbar (okkult). Die Naturmagie (magia naturalis) war bestrebt, solche okkulten Beziehungen zu erkennen, um durch ihre Manipulation konkrete (Heil-)Effekte zu erzielen. Amulette aus natürlichen Substanzen konnten vor schädlichen Einflüssen schützen. Wenn eine ungünstige Planetenkonstellation Kopfschmerzen verursachte, halfen z. B. Walnüsse, deren Äußeres schon eine Verbindung zum Hirn suggerierte.
Die heutigen Kategorien von Religion, Magie und Medizin wären in ihrer Abgeschlossenheit für vormoderne Menschen schwer nachvollziehbar gewesen. Gott lenkte Krankheit und Heilung. Der menschliche Körper war Teil der göttlichen Schöpfung und um ihn zu schützen oder zu heilen, kombinierten viele Therapien „religiöse“, „magische“ und „medizinische“ Elemente: Ein Amulett, das die okkulten Eigenschaften verschiedener Substanzen nutzte, konnte durch Gebete oder Segnungen effektiver gemacht und dann medizinisch angewandt werden.
