Frage an: Xenia von Tippelskirch
Ließ sich in der Frühen Neuzeit religiöse Zugehörigkeit an körperlichen Zeichen erkennen?

Bildnis einer Jüdin aus Worms aus dem Thesaurus Picturarum von Marcus zum Lamm. Die Frau ist insbesondere durch den gelben Ring, den die Kleiderordnung ihr zu tragen vorschrieb, als Jüdin zu erkennen. Abbildung: Wikipedia, Public Domain.
Soziale Unterschiede konnte man in der frühneuzeitlichen Gesellschaft zumeist unmittelbar an äußeren Zeichen ablesen. Kleiderordnungen gehörten zum festen Bestandteil der normativen Vorgaben, die soziales Zusammenleben strukturierten. Juden und Jüdinnen wurden schon früh dazu gezwungen, ihre religiöse Zugehörigkeit auch durch vestimentäre Elemente anzuzeigen.
Und Verstöße gegen die vorhandenen Normen tauchen auch in frühneuzeitlichen Berichten auf, die von dissidentem Verhalten berichten. So weigerten sich Quäker, den Hut vor anderen Personen zu ziehen, mit dem Argument, nur Gott verdiene eine solche Wertschätzung. Dass Täufer sich angeblich nackt gezeigt hatten, wurde als klares Zeichen eines völligen Bruchs mit den sozialen Konventionen gedeutet. Aber es waren nicht nur Kleider, die zur Distinktion dienten, auch Körperpraktiken konnten so eingesetzt werden.
Ob jemand das Kreuz schlug, mochte zur Identifizierung eines Katholiken dienen – auch jenseits des liturgischen Kontextes, in dem diese Geste eine Rolle spielte. Aus dem frühneuzeitlichen Selbstzeugnis des Kannengießers Augustin Güntzer erfährt man allerdings auch, dass Protestanten diese rituelle Geste erfolgreich nachahmen konnten, um sich vor Verfolgung zu schützen. Dass christliche Zugehörigkeit sich tatsächlich auch sehr unmittelbar körperlich äußerte, liegt nicht zuletzt an der theologischen Bedeutung der Menschwerdung Christi. In Nachfolge Christi konnten Menschen seine Passionsleiden nachempfinden, körperliche Schmerzen wurden unmittelbar als göttliche Zeichen gedeutet.
