Frage an: Claudia Pankau

Inwiefern können bronzezeitliche Hortfunde als Votive betrachtet werden? 

Das absichtliche Deponieren von Gegenständen in oder auf der Erde bzw. im Wasser ist ein Phänomen, das sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht und von der Altsteinzeit bis heute vorkommt. Die Gründe dafür können unterschiedlicher Art sein. Man kann Versteck- oder Verwahrfunde dahinter vermuten, die zu einem späteren Zeitpunkt wieder gehoben werden sollten, über die Entsorgung von Schrott spekulieren oder an Votiv- oder Weihegaben denken. Auch Verschwendungsrituale mit politischer Funktion, wie sie in der Ethnologie als Potlach bekannt sind, könnten im Hintergrund gestanden haben.

Besonders typisch sind Deponierungen von Metallobjekten für die europäische Bronzezeit (ca. 2.300–800 v. Chr.), während der sie in einer Masse und Dichte auftreten, für die es weltweit keine Vergleiche gibt. In den antiken Kulturen des Mittelmeerraumes lassen sich diese Objekte als Weihgaben identifizieren, wenn sie eine Dedikationsinschrift aufweisen und in einem Heiligtum zum Vorschein kamen. In den Regionen nördlich der Alpen sind diese Voraussetzungen während der Bronzezeit nicht gegeben: Es wurde weder geschrieben, noch wurden Heiligtümer gebaut. 

Die Deutung der Hortfunde der europäischen Bronzezeit schwankt daher seit Jahrzehnten zwischen den beiden Polen profan und sakral. Für beide Sichtweisen gibt es Argumente; auch muss die eine Deutung die andere nicht ausschließen. Man denke hier etwa an das Konzept der Almosen, die ebenfalls sowohl eine religiöse als auch eine ganz praktische wirtschaftliche und soziale Funktion haben.

Sicheln sind besonders häufiger Bestandteil von Horten und kommen etwa in  zwei Dritteln aller spätbronzezeitlicher Horte vor. Selten treten sie als reine Sicheldeponierungen auf. Häufiger enthalten die Niederlegungen auch Sichelbruchstücke oder andere Objekte wie Trachtzubehör oder Waffen. Den Sicheln und besonders auch den Bruchstücken könnte dabei eine monetäre Funktion – sofern das Metallgewicht als Wertmaß diente – zu gekommen sein, ähnlich einer gut mit Wechselgeld gefüllten Börse. Bei der Deponierung von Sicheln handelte es sich demnach möglicherweise um ein „Tauschgeschäft“ mit den Göttern. 

Des Weiteren sind den Sicheln bei der rituellen Übergabe an göttliche Mächte möglicherweise auch weitere besondere Bedeutungen zugekommen. gekommen. So erinnert die Form an den Mond und der bedeutsame Einsatz für die Landwirtschaft lässt sie zu einem wichtigen Symbolgut für die Fruchtbarkeit und den zyklischen Verlauf der Jahreszeiten werden. Eine Deponierung von Sichel(bruchstücken) könnte, ähnlich wie die Aussaat von Getreidekörnern, als eine Art Gabe gesehen worden sein, die dazu diente, zu einem späteren Zeitpunkt ein Vielfaches „zu ernten“. 

Auf zahlreichen Sicheln sind zudem Sichelmarken angebracht, bei denen es sich um eine Art Weihinschrift oder eine Kennzeichnung des Opfernden handeln könnte. Darüber hinaus kommen Sicheln manchmal auch als Grabbeigabe in prestigeträchtig ausgestatteten Männergräbern vor. Dabei machen die Sicheln in Kombination mit den Waffenbeigaben diese Individuen in doppeltem Sinne zu einem „Feldherrn“, der nicht nur für als Krieger, sondern auch als Garant der (land)wirtschaftlichen Stärke, die Sicherheit der Gemeinschaft garantiert.